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Aus der Reihe der Interviews mit Brasilianern zum Thema Glück & Lebensfreude eine bewegende Geschichte mit Ezequiel, der jeden Tag mit guter Laune Zeitungen und Getränke verkauft:


Wer bist Du? Erzähl uns ein wenig von Dir.

Mein Name ist Ezequiel. Ich bin 38 Jahre alt und komme aus Rio de Janeiro. Geboren und aufgewachsen bin ich in Duque de Caxias. Heute wohne ich in Sarcuruna und habe mein eigenes Leben. Ich bin ledig und lebe alleine. Aus einer früheren Beziehung habe ich eine 10-jährige Tochter, Helen, die bei ihrer Mutter lebt. Immer wenn ich frei habe, hole ich Helen zu mir.

Ich arbeite in einem Zeitungskiosk in Copacabana, montags bis samstags von fünf Uhr morgens bis drei Uhr, manchmal auch fünf Uhr nachmittags und jeden zweiten Sonntag den ganzen Tag bis in den Abend. Um rechtzeitig am Kiosk zu sein, stehe ich um halb vier morgens auf.

Ich mag meine Arbeit, die es mir ermöglicht, meine Rechnungen, den Unterhalt meiner Tochter usw. zu bezahlen. Es macht mir Freude, mit Menschen umzugehen, Dinge zu verkaufen. Ich habe schon viele Dinge gemacht, z.B. in Restaurants gearbeitet, wo ich für die Salate und Nachspeisen zuständig war. Aber die Tätigkeit hier im Kiosk befriedigt mich und ich kann mich damit identifizieren.


Was ist Dir im Leben wichtig?

An erster Stelle Gott, meine Tochter, die ich sehr liebe und meine Familie, meine zweite Familie. Mein Glaube an Gott ist das Wichtigste. Ich gehöre keiner Religion an, ich glaube an Gott.


Und was macht Dich glücklich?

Es macht mich glücklich, zu wissen, dass es Menschen gibt, die mich mögen und lieben, so wie meine zweiten Eltern. Und dass meine Tochter, die ich so sehr liebe, gesund ist, dass es ihr und meiner Familie gut geht. Dass Gott mir Gesundheit gegeben hat und ich mein eigenes Leben haben und froh/zufrieden/fröhlich sein kann. Eine Arbeit zu haben, aus der ich meinen Lebensunterhalt beziehen kann. Es macht mich froh, morgens gesund und in guter Verfassung aufzuwachen. Aufzuwachen und von diesem Universum zu wissen, egal ob die Sonne scheint, es regnet oder bewölkt ist. Zur Arbeit zu fahren und dort heil anzukommen. Zu wissen, dass ich unter dem Schutz Gottes stehe. Das macht mich glücklich, jeden Tag zu jeder Stunde.

Und gibt es einen Ort an dem Du Dich besonders wohl fühlst?

Ja, bei meiner zweiten Familie fühle ich mich besonders wohl. Wenn ich dort hinkomme, umarmen mich alle. Die ganze Familie kommt zusammen und alle sind fröhlich. Niemand will, dass ich wieder wegfahre. Sie bitten mich, zu bleiben und dort zu übernachten, obwohl ich doch mein eigenes Haus habe, meine Arbeit und andere Dinge, um die ich mich kümmern muss. Nirgends ist es so schön, wie wenn ich mit meiner Familie zusammen bin.

Du fühlst Dich also sehr geliebt?

Ja, sehr geliebt.

Ich weiß aber, dass es schon schwierige Zeiten in Deinem Leben gab. Magst Du ein wenig davon erzählen?

Ja. Als ich zehn Jahre alt war, bin ich auf der Straße gelandet (und musste von da an selber für mich sorgen). Mein Vater hat sich als Gelegenheitsarbeiter durchgeschlagen und meine Mutter hat gar nicht gearbeitet. Als deren Ehe an diesem täglichen Kampf zerbrochen ist, saß meine Mutter allein mit einem Haufen Kinder da, sechs waren wir. Wir hatten nichts zu essen noch zu trinken. Also sind wir auf die Straße, um dort Nahrung aufzutreiben. Ich habe gebettelt und auf der Straße geschlafen, unter Überführungen, auf Pappe. Ich habe viel Hunger gelitten, bin in Anstalten eingeliefert worden, geschlagen worden, ausgebrochen und wieder auf die Straße zurückgekehrt, wieder eingefangen worden… So habe ich bis zu meinem 18. Lebensjahr gelebt. Volljährig musste ich die letzte Anstalt, in der ich war, verlassen und wollte nach Hause zurückkehren. Aber meine Mutter hat mich nicht reingelassen. Sie meinte, ich hätte mein ganzes Leben auf der Straße zugebracht, also solle ich dorthin zurück wo ich herkäme. Also bin ich zurück auf die Straße.


Wie ging es dann weiter? Wie kommt es, dass Du heute hier im Kiosk stehst und ein eigenes Zuhause hast?

Als ich 16 war, wurde ich mal wieder aufgegriffen und in eine Anstalt in Quintino eingeliefert, die Anstalt gibt es heute gar nicht mehr. Da hab ich mich hingesetzt und mir selber gesagt: Ezequiel, in zwei Jahren bist du volljährig, wie soll es da weitergehen? Sieh zu, dass du hier was lernst. Auch wenn es hier schlimm ist, reiß dich zusammen und bleib. Und tatsächlich, habe ich dort Lesen und Schreiben gelernt. Und Kochen. Außer dem Unterricht gab es dort nichts zu tun und mit den anderen Jungs wollte ich nichts zu tun haben. Um nicht den ganzen Tag im Hof herumzutigern und mich zu beschäftigen, habe ich angefangen in der Küche zu helfen. Und ich habe dort meine Dokumente erhalten. In gewisser Weise habe ich dort gelernt, „jemand zu sein“. Es war die beste Schule, die ich jemals durchlaufen habe.

Wenn du nicht lesen und schreiben kannst und keine Dokumente hast, bist du ein Niemand.

Mit 18 war meine Zeit dort vorbei. Zuhause wollte mich niemand, also bin ich zurück auf die Straße und hab wieder gebettelt. Aber das war noch schlimmer als vorher. Als erwachsener und bärtiger Mann zu betteln geht nicht. Mit viel Glück und der Kraft Gottes, ist es mir gelungen, eine „Styroporbox“ zu kaufen. Mit der habe ich dann angefangen, an der Ampel Getränke zu verkaufen. Und mit dem Geld, was ich verdient habe, konnte ich in einer Herberge übernachten. Abends habe ich meine Kleidung gewaschen und am nächsten Morgen wieder angezogen. So ging das eine Zeit. Dann hat mich ein Kumpel eingeladen, bei seinen Eltern zu wohnen. So habe ich meine „zweite“ Familie kennengelernt. Ich war sehr ängstlich als ich dort ankam, aber ich wurde sehr gut aufgenommen und bis heute sind sie wie Eltern für mich. Geblieben bin ich dort ungefähr sechs Monate. Als es mir gelungen ist, ein bisschen Geld anzusparen, habe ich dann ein eigenes Haus gemietet und angefangen, mein Leben neu zu ordnen. Ich habe weiter gearbeitet und da ich ja nun Dokumente hatte, konnte ich mich in der Abendschule einschreiben – da war ich ungefähr 20 – und meinen Schulabschluss machen.


Wie war das Leben auf der Straße?

Stell dir ein Kind mit 10 Jahren allein auf der Straße vor… Das Leben auf der Straße ist gefährlich. Heute ist es noch viel schlimmer, aber auch damals war es schon schlimm. Du lebst in ständiger Angst und weißt nie, was dir passiert. Wenn du Glück hast, wachst du morgens auf und jemand hat dir einen Becher Kaffee und Brot hingestellt. Wenn du Pech hast, übergießt dich jemand, während du schläfst mit Alkohol und legt Feuer. In dieser Ungewissheit schläfst du schlecht, hast Alpträume, wachst morgens erschrocken auf.

Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie jemandem etwas Böses getan. Nie geklaut, nie jemanden verletzt. Ich habe nur gebettelt, um etwas zu Essen oder um Geld. Aber die Leute denken, dass alle die auf der Straße leben, Diebe und Gauner sind. Das stimmt aber nicht, alle möglichen Leute leben auf der Straße. Aber die Leute scheren alle über einen Kamm und denken, dass alle, die auf der Straße leben, Diebe und Gauner sind und sie beklauen wollen. Das stimmt aber nicht! Es gibt alle möglichen Leute, die auf der Straße leben. Aber wenn ich jemanden um Essen gebeten habe, sind die meisten aus Angst zurückgewichen und haben mir nichts gegeben.

Die Leute verstehen dein Leid nicht. Das ist sehr traurig. Du bist schon mit Hunger schlafen gegangen und wachst mit leerem Magen auf. Du hast nichts zu essen und niemand gibt dir etwas. Also bittest du nach ein paar Stunden um ein Glas Wasser. Wasser verweigert dir niemand. Du trinkst das Wasser und fühlst, wie es in deinen leeren Magen (geradezu) fällt.


Woher hast Du Deine Kleidung bekommen? Und wie hast Du das mit Zähne putzen, waschen und solchen Sachen gemacht?

Im Prinzip gab es sowas wie Zähne putzen, Gesicht waschen, Hygiene nicht. Was wir gemacht haben, war Folgendes: Wir sind von Tür zu Tür gegangen und haben um Kleidung gebettelt. Wenn wir was ergattern konnten, sind wir an den Strand und haben im Meer gebadet. Ohne Seife oder irgendwas. Dann sind wir irgendwohin, wo uns niemand sehen konnte, haben die „neue“ Kleidung angezogen und die alte weggeworfen.


Das heißt, Du hattest nur was Du auf dem Leib getragen hast?

Ja, nur das. Ich hatte keine Dokumente, nur die Kleidung, die ich gerade trug. Und das, was ich mein Leben lang mit mir getragen habe: meine Ehrlichkeit, meine Wahrhaftigkeit/Kameradschaft.

Kameradschaft mit wem?

Mit mir selbst.

War es diese Kameradschaft mit dir selbst, die dir geholfen hat, diese schwierige Zeit zu überstehen und da rauszukommen? Oder was war es, was dir geholfen hat?

Was mir in der Zeit geholfen hat, nicht kriminell zu werden, in den Drogenhandel einzusteigen oder zur Waffe zu greifen und loszuziehen, um zu rauben und zu morden, ist diese Kraft, die ich bis heute in mir habe. Ich war nie ein aufsässiger oder verbitterter Mensch. Ich hatte immer die Liebe Gottes in mir, nichts Schlechtes zu tun.
Denn niemand ist schuld an dem, was ich durchgemacht habe.
Also musst du Gott um Kraft bitten. Um die Kraft, positiv zu denken, die Kraft, daran zu glauben, dass du es schaffst. Das ist es, was mir die Stärke gegeben hat. Und heute steh ich, Gott sei Dank, mit meinen 38 Jahren hier und kann Geschichten erzählen.

Dann würdest Du sagen, dass das, was Dir am meisten geholfen hat, Dein Glaube an Gott war?

Ja, der Glaube daran, dass es einen Gott gibt, der nicht zulässt, dass ich ich so ende. Der mir dabei hilft, die Kurve zu kriegen. Mein größter Wunsch wäre es, ein Buch schreiben zu können, in dem ich all das erzähle, was ich erlebt habe. Dieses Buch müsste in allen Anstalten und Waisenhäusern verteilt werden, damit all die, die heute noch auf der Straße leben, sehen, dass es Menschen wie sie gibt, die genau wissen, wie es ihnen geht und die es geschafft haben. Dass es in jedem von uns einen Gott gibt, der Kraft und Freude gibt, so dass du positiv denken kannst und daran glauben kannst, dass du da rauskommst.

Wer hat dich mit Gott „bekannt“ gemacht? Woher kam dieser Glaube, diese Verbindung mit Gott, die dich schon als 10-jährigen Jungen auf der Straße begleitet haben?

Meine leibliche Mutter war evangelikal. Mein Name und die meiner Geschwister sind biblisch. Seit ich klein war, bin ich in vielen Kirchen ein- und ausgegangen. Dort habe ich von Gott gehört und davon, was mit Jesus am Kreuz passiert ist. Und da habe ich mir gedacht, wenn Jesus das alles ausgehalten hat und wieder auferstanden ist und lebt, dann ist das, was ich durchmache, nichts dagegen. Das hatte ich im Kopf und darum habe ich diesen Glauben in mir.


Hat Dein Name Ezequiel eine besondere Bedeutung?

Ja, er bedeutet „Gott macht stark“.


Bist Du heute Mitglied in einer Kirche?

Nein, früher mal. Ich habe mich in der Evangelikalen Kirche taufen lassen und war auch schon bei den Spiritisten und in der Katholischen Kirche. Ich weiß, dass es einen Gott gibt, ich glaube an das Leben nach dem Tod. Ich glaube an die Orixás (Götter im Candomblé und in der Umbanda), ich glaube an alles. Ich verliere nie den Glauben. Solange Gott mir die Kraft gibt, gibt es nichts in dieser Welt, mit dem ich nicht fertig werden kann. Es ist ein Kampf, aber Gott stärkt dich. Du fällst und Gott stärkt dich.


Hast Du neben Deinem Glauben an Gott für meine LeserInnen eine Lebensweisheit, einen Tipp, wie sie ihr Leben glücklicher gestalten können?

Ja, hab ich: gute Laune, Wohlwollen, Herzlichkeit/Herzenswärme und Nächstenliebe. Wenn du deinen nächsten liebst, wenn du ihn so liebst, wie er ist, dann kommen die Lebensfreude, die Lebenslust. Dann scheiterst du auf keinen Fall.


Vielen Dank für das Interview, lieber Ezequiel. Es hat mich sehr bewegt.

jyotimflak_copacabana_copacabana_riodejaneiro_brasilien_Kulturundleute_vonderstrassezumkioskverkaeufer_ezequielEzequiel, arbeitet im Zeitungskiosk in der Rua Paula Freitas, Ecke Av. Nossa Sra. de Copacabana im Stadtteil Copacabana in Rio de Janeiro.

 

 

 

 

 

 

 


*Der Text wurde aus dem Portugiesischen übersetzt und an einigen Stellen leicht überarbeitet.
{ Baixa a entrevista com Ezequiel em português: Entrevista_Ezequiel–portugues }


Mehr Interviews
aus dieser Reihe findest du hier:
Samba und Mantren – Das Leben sehen, wie es wirklich ist. Interview mit Jovi Joviniano, Musiker aus Rio de Janeiro

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